Die 5 Sinne

Viele Autisten reagieren sehr empfindlich auf Licht, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker oder Berührungen

Ich bin sehr empfindlich – früher wurde ich deshalb oft ‚Prinzessin‘ genannt.

Das Licht ist mir zu hell, die Musik zu laut, es riecht seltsam und Klamotten dürften eigentlich nur aus Baumwolle bestehen…

Autofahren bei hellem Sonnenlicht oder nachts ist für mich meist nicht weniger anstrengend als die gleiche Strecke zu Fuß zurück zu legen. Am schlimmsten sind jedoch Fahrten im Dunkeln bei Regen. Die vielen Reflektionen irritieren mich so sehr, dass ich eigentlich blind fahre.

Ohne Sonnenbrille verlasse ich tagsüber nicht das Haus. Besonders wenn ich gestresst und überreizt bin, brennen meine Augen schon an bewölkten und dunklen Wintertagen.

Aber nicht nur Sonnenlicht, auch kaltes, künstliches Licht und Leuchtstoffröhren sind dann so unangenehm, dass mein ganzer Körper in einen Stresszustand verfällt.

Schlimm sind auch blinkende Lichter oder schneller Wechsel zwischen hell und dunkel und flackerndes Licht macht mich schier wahnsinnig.

Auch mein Gehör ist empfindlich. Als ganz besonders störend empfinde ich viele Menschen, die durcheinander reden, laute Musik (ganz besonders die Bässe) und klirrende, sowie knallende Geräusche.

Wenn ich gestresst bin, zucke ich bereits beim Anblick von Besteck und Geschirr zusammen und ich habe eine fast schon panische Angst vor platzenden Luftballons.

Früher habe ich selber laute Musik gehört, um Umgebungsgeräusche auszublenden, heute bevorzuge ich Ohrstöpsel, die eine wunderbare erholsame Ruhe erzeugen.

Wenn ich am Parfümregal in der Drogerie oder an Kerzen vorbei gehe, bekomme ich einen fast unerträglichen Druck im Kopf.
Auch den Körpergeruch anderer Menschen, ebenso wie meinen eigenen, ertrage ich kaum.
Dafür genieße ich um so mehr den Geruch von Kaffee, Sommerregen, Waldboden, Seeluft und Gerüche mit denen ich positive Erinnerungen verbinde.

Denn genau so wie ich viele Gerüche verabscheue, liebe ich andere und kann gar nicht genug davon bekommen. Der Geruchssinn ist der einzige, der bei mir so intensive Emotionen und Erinnerungen erzeugen kann.

Als Kind habe ich viele Dinge nicht gegessen, war sehr wählerisch. Heute esse ich nicht weniger verschiedenes als die meisten anderen Menschen und sogar ziemlich gerne.

Das größte Problem beim Essen ist und war immer die Konsistenz.
Als Kind mochte ich kein gekochtes Gemüse oder Obst – alles musste roh sein.
Meeresfrüchte, Pilze, Innereien, Fett, „Wackelpudding“, Sülze und alles was eine ähnliche Konsistenz hat, ertrage ich bis heute nicht im Mund.

Auch taktil bin ich recht empfindlich. Leichte Berührungen empfinde ich sehr schnell als unangenehm, wenn ich überreizt bin, ertrage ich keinerlei Berührungen durch andere Menschen mehr.

Kühles, spritzendes Wasser schmerzt wie Nadelstiche auf meiner Haut.

Bis ich etwa 17 war, habe ich es kaum ertragen zu duschen und es möglichst vermieden. Das Wasser, das von oben über meinen Kopf und dann meinen Körper hinablief, war einfach zu viel Stress für selbigen. Zu viele Reize, das Wasser stets zu warm oder zu kalt, dann das raue Handtuch und die kühlere Luft beim Verlassen der Dusche, nasse Haare – viel zu viele Reize, besonders direkt nach dem Aufstehen morgens.

Heute empfinde ich es nicht mehr als ganz so schlimm. Trotzdem bin ich froh, wenn ich das Haus nicht verlassen muss und eine ‚Katzenwäsche‘ ausreicht.
Am liebsten lege ich mich in eine heiße Badewanne, genieße die Ruhe, mache Seifenblasen und beobachte diese – am liebsten stundenlang.

Kleidungsstücke jucken oder kratzen schnell auf meiner Haut. Ich bevorzuge einfache Baumwolle. Ein zu hoher Anteil von Viskose oder Polyester ist sehr unangenehm, ebenso wie samtige oder seidige Stoffe oder Wolle.

Auch muss ich immer Socken tragen, selbst im Sommer ertrage ich es nicht mit nackten Füßen in der Wohnung oder in Schuhen zu laufen.
Dafür würde ich am draußen am liebsten ständig barfuß sein.
Schuhe empfinde ich als unglaublich einengend, ich muss sie immer eine Größe größer kaufen als ich eigentlich trage.

Besonders anstrengend ist jedoch, dass ich all diese Reize nicht ausblenden, filtern oder ’sortieren‘ kann.
Ein Besuch im in einem Einkaufscenter gleicht (je nach Tagesform) oft einem Horrortrip:

Musik und Durchsagen, die durch Lautsprecher ertönen; Menschen, die durcheinander sprechen und rufen, mich anrempeln, ansehen, unterschiedlich riechen; überall Drogerien oder Parfümerien, die alles in einen undurchdringlichen Nebel aus Gerüchen hüllen; bunte, helle Reklame; Lampen in vielen verschiedenen Farben, Temperaturen und Helligkeiten.

Und immer wieder Reize, die mich so ablenken, dass ich mich weder orientieren kann, noch erinnere wo ich gerade hin wollte.
Es ist Stress pur und alleine für mich nicht zu bewältigen.

An guten Tagen ertrage ich diese Reizüberflutung eine Zeit lang, an schlechten schaltet sich meine Außenwahrnehmung fast vollständig ab und ich wäre ohne Hilfe aufgeschmissen.

Ein sehr eindrucksvolles und treffendes Video über autistische Wahrnehmung findet ihr hier:

Es mag überspitzt wirken, aber es ist absolut realistisch und zeigt, was sich nicht in Worte fassen lässt.

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