Mein Leben mit einer Autistin (ein Gastbeitrag meines Mannes)

Als wir uns kennenlernten war meine Frau noch keine Autistin.

Bevor ich jetzt einen Sturm der Entrüstung ernte, möchte ich klarstellen, dass sie damals natürlich sehr wohl eine Autistin war, aber es war zu diesem Zeitpunkt weder mir, noch ihr selbst bekannt.

Sie hatte selbstredend schon eine ganze Odyssee von Klinikaufenthalten und Diagnosen hinter sich, auf die ich hier gar nicht näher eingehen will.

Wir lernten uns kennen, verliebten uns ineinander, zogen zusammen und bekamen zwei gemeinsame Kinder… (und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute und für alle Zeit glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage).

So, oder so ähnlich könnte die Geschichte enden… tut sie aber nicht.

Ich gehe zur Kaffeemaschine um uns einen Kaffee zu machen und … rege mich zum wiederholten Male auf, dass der benutzte Kaffeelöffel auf der Arbeitsplatte vor der Kaffeemaschine liegt und diese mit seiner Anhaftung aus einem Gemisch von Kaffee und Milchpulver beehrt und verziert.

Es will mir einfach nicht einleuchten, warum es so schwer ist, den Löffel entweder zu reinigen falls man ihn dort für den nächsten Kaffee belassen möchte, oder ihn alternativ gleich in die Spülmaschine zu verbannen.

Es kann doch nicht so schwer sein…

Ich habe gerade gespült und werfe das schmutzige Handtuch in den Durchgang zum Badezimmer, um es später auf dem Weg ins Bad mitzunehmen und in den Wäschekorb zu werfen. Aber zuvor räume ich in der Küche noch auf, staubsauge, wische den Boden…

Wie ich aus den Augenwinkeln bemerkt habe, ist meine Liebste inzwischen einige Male zwischen Wohnraum und Bad gependelt.
Umso überraschter (und verärgerter) bin ich, als ich feststellen muss, dass jenes Handtuch immer noch dort am Boden liegt, wohin ich es warf, unbewegt, unberührt und… ungerührt, was ich erst recht als Provokation empfinde.

Es kann doch nicht so schwer sein…

Es ist heiß, die Sonne brennt.
Die Luft flimmert, die Vögel zwitschern, Geräusche des Lebens dringen aus der ganzen Umgebung zu uns, Gespräche, Kinderlachen, Rasenmäher, diverse wundervolle Gerüche hängen in der Luft, frisches Gras, Grillgeruch, Ozon.

Wir sind mit den Kindern auf dem Balkon. Wir haben kalte Getränke, frisches Obst, einen kleinen Pool, einen Sandkasten, eine Wasserbahn und Spielzeug für die Kinder, Handtücher.
Und natürlich zwei Große Wasserspritzen, besser gesagt gigantische Wasserwerfer.
Was für ein Spaß – der ein jähes Ende findet, als ich auch meinem Schatz eine lustige Abkühlung durch eben jene Feuchtkanone zuteilwerden lasse.

Es kann doch nicht so schlimm sein…

Das Verhalten meiner Frau stand für mich so oft im krassen Widerspruch zu ihrer unbestritten hohen Intelligenz. Es war für mich unbegreiflich, wie sie sich – in meinen Augen – oftmals so dermaßen dumm anstellen konnte.
Und dann kam der Verdacht und schließlich die Gewissheit, dass sie Autistin ist.

Durch unzählige Gespräche, gespickt mit immer neuen Informationen und Erkenntnissen, wurde mir immer klarer, dass meine Frau sich weder dumm anstellt, noch beratungsresistent ist. Sie ist einfach das, was sie ist, nämlich eine Autistin, mit all ihren Facetten und Schattierungen.

Der Kaffeelöffel?
Ist eine Angewohnheit, eine Routine.
Heute liegt vor der Kaffeemaschine ein kleines Tablett für den Löffel, ein Kompromiss der uns beiden sogar gefällt.

Das liegengebliebene Handtuch?
Liegt nicht im Wahrnehmungsbereich meiner Frau, weil sie sich beim Gang ins Bad auf das konzentriert, was sie dort machen möchte. Jede Ablenkung würde ihr ursprüngliches Vorhaben aus ihrem Denken verbannen.
Also nehme ich es einfach mit, wenn ich ins Bad gehe – hatte ich doch sowieso genau so geplant, also wo ist das Problem!?

Die vermeintlich kühlenden Tropfen auf der erhitzten Haut?
Sind zu den vielen anderen sensorischen Wahrnehmungen des ohnehin schon überstrapazierten Autisten vermeidbare Nadelstiche auf dessen Haut, die einen Overload geradezu unabwendbar machen.

Insofern werde ich mich bemühen, diese Tatsache im bevorstehenden Sommer nicht zu vergessen und meiner Frau keine gutgemeinten Schmerzen mehr zu bereiten.

Das Leben mit einem Autisten ist nicht schwierig, nur anders.

Wenn wir Nicht-Autisten das begreifen und nicht vergessen, wenn wir NT´s uns bemühen die Funktionsweise eines Autisten zu verstehen und darauf Rücksicht zu nehmen, anstatt immer von denen zu erwarten, sich unserer Welt anzupassen, dann kann das gemeinsame Leben so erfüllend und bereichernd sein, weil man plötzlich erkennt, dass wir uns nicht gegenseitig durch unsere jeweiligen Defizite behindern, sondern durch unsere individuellen Stärken gegenseitig bereichern und ergänzen können – zu einem vollständigeren, besseren(?) Organismus.

Mein Leben mit einer Autistin?
Das Beste was mir in meinem ganzen Leben passieren konnte.

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