‚Borderline-Syndrom‘ oder Autismus?

Im Folgenden versuche ich ganz laienhaft aufzuzeigen, warum Autismus und eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (‚Borderline-Syndrom) so ähnlich erscheinen und doch kaum unterschiedlicher sein könnten (dies soll nur ein Denkanstoß sein! Ich schreibe ohne medizinische Kenntnisse oder Anspruch auf Richtigkeit!)

Die gravierendsten Unterschiede zwischen Autismus und ‚Borderline‘ liegen wohl in den ausgeprägten Stimmungsschwankungen, unter denen Betroffene einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung leiden und in dem Fehlen intensiver Spezialinteressen und besonders rationalem Denkens.
Letzteres ist bei ‚Borderlinern‘ eher von starken Emotionen geprägt und das Verhalten eher impulsiv als rational und analytisch. 

Zudem ist ‚Borderline‘ eine Persönlichkeitsstörung, die sich im Laufe der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter entwickelt, während Autismus seit frühester Kindheit (bzw. von Geburt an) besteht.
Da Symptome des Autismus bei vielen oftmals jedoch auch erst auffällig werden, nachdem die gesellschaftlichen und sozialen Anforderungen steigen oder es einen einschneidenden Wendepunkt im Leben des Betroffenen gab, der es unmöglich machte, die Fassade aufrecht zu erhalten, ist es auf den ersten Blick nicht immer möglich, den Ursprung dieser zu ermitteln. 
Besonders Frauen bekommen daher oft eine falsche ‚Borderline‘-Diagnose, bevor Autismus diagnostiziert wird.

Auch ich zeige oberflächlich betrachtet einige Anzeichen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und bekam diese Diagnose nach meinem ersten Zusammenbruch und Klinikaufenthalt sehr schnell.
Ich habe mich jedoch nie mit der Störung identifizieren können. 
Im Folgenden werde ich versuchen zu beschreiben, warum die Diagnosekriterien der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung auf mich zuzutreffen scheinen und zugleich überhaupt nicht passen. 

Hierfür übernehme ich die gängigen Diagnose-Kriterien des DSM-5 für die ‚Borderline-Störung‘ (Quelle: https://www.awp-freiburg.de/de/awp-freiburg/borderline-persoenlichkeitsstoerung.html

1. Unangemessene starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche)

Diese habe ich in diesem Ausmaß nie gehabt. Jedoch habe ich meinen Therapeuten von meinen Meltdowns berichtet, die man sicherlich als ‚Wutausbrüche‘ fehldeuten kann. Grundsätzlich bin ich jedoch ein sehr friedlicher Mensch und eher ‚zu lieb‘ und ruhig als ausfallend oder impulsiv. 

2. Affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist. 

Meine Stimmung und Gefühlslage kann sich sehr schnell und plötzlich ändern und damit auch mein Verhalten und mein Empfinden. 
Dies resultiert bei mir aber stets aus Einflüssen von außen, auf die ich sehr empfindlich reagiere und nicht wie bei emotional-instabilen Persönlichkeiten aus dem Inneren. 

3. Chronisches Gefühl der Leere

Auch das habe ich bei mir nie festgestellt, eher das Gefühl nicht zu wissen wer ich bin und wo ich hingehöre, weil ich immer auf der Suche nach mir selber war. Aber das führte zu einer gewissen Perspektivlosigkeit, die ich selber oft als Leere gedeutet habe. Langeweile ist jedoch etwas, das ich kaum kenne. 

4. Impulsivität in mindestens 2 potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Sexualität, Substanzmissbrauch, Fressanfälle)

Ich habe lange Zeit mit Essstörungen (auch Bulimie) zu kämpfen gehabt und bin in der Pubertät wiederholt in zwischenmenschliche Beziehungen geraten, die mir geschadet haben, jedoch weiß ich heute, dass dies nicht mit selbstschädigendem Verhalten, sondern viel mehr mit Naivität und sozialer Unbeholfenheit und dem Wunsch nach sozialen Kontakten (und wahrscheinlich auch Liebe) zu tun hatte. Mit Alkohol, Drogen oder übermäßig leichtsinnigem Verhalten hatte ich jedoch nie Probleme. Im Gegenteil, ich war oft die ‚Spielverderberin‘, ‚Angsthase‘ oder ‚Uncoole‘. 
Oberflächlich betrachtet war aber auch dieses Kriterium erfüllt. 

5. Wiederkehrende Suizidversuche oder selbstschädigendes Verhalten

Tatsächlich habe ich mehrere Suizidversuche hinter mir und zahlreiche Narben am Körper, die ich mir selbst zufügte. Sie zeugen von meiner Verzweiflung, meiner Angst und meinem ständigen Gefühl nicht zu genügen, nicht erwünscht und nichts wert zu sein. Das ist aber kein ausschließliches Borderline-Syndrom, auch wenn es in den Medien gern so dargestellt wird (‚Ritzen‘ = Borderline). 

6. Vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome

Während ich mit Medikamenten ‚vollgestopft‘ wurde, habe ich zeitweise Stimmen gehört. Seit dem Absetzen jeglicher Psychopharmaka ist dies jedoch nie wieder vorgekommen. 
Dissoziative Symptome erlebe ich bis heute. Mittlerweile weiß ich jedoch, dass es für Autismus typische Shutdowns sind. 

7. Identitätsstörungen: eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst

Mein Selbstbild hat seit meiner Kindheit enorm gelitten. Nie habe ich irgendwo hineingepasst oder dauerhaft dazugehört. Ich habe mich immer wieder selbst verloren und bis heute bin ich auf der Suche nach mir, nach der, die ich wirklich bin. Oft habe ich das Gefühl die jahrelange Anpassung hat mir die Möglichkeit genommen ein eigenes ‚Ich‘ zu entwickeln, habe ich doch so viele Jahre nur versucht andere Menschen zu kopieren.
Dies ist jedoch keine Identitätsstörung im psychiatrischen Sinne. 

8. Verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern

Das trifft auf mich nur in so weit zu, als dass ich tatsächlich sehr anhänglich und vereinnahmend sein kann, wenn ich jemanden sehr gern habe, aber ‚verzweifeltes Bemühen‘ kann ich nicht bestätigen. Ich resigniere sehr schnell – manchmal wahrscheinlich zu schnell.

9. Ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen

In der Pubertät habe ich einige Zeit lang fast zwanghaft versucht Freunde und/oder einen Partner zu finden. Ich bin sehr schnell sehr anhänglich geworden, habe sofort an ‚die große Liebe geglaubt‘ und habe damit ein paar Mal ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Diese Phase war jedoch genau so schnell vorbei wie sie begonnen hatte.
Auch heute führe ich meist instabile freundschaftliche Beziehungen, da ich es nicht schaffe, diese aufrecht zu erhalten.
Bei Borderline-Patienten liegt das zumeist an ihrer emotionalen Instabilität, bei mir jedoch meist daran, dass mich soziale Interaktion enorm viel Kraft kostet.

Nachdem ich das erste Mal in der Klinik war, reichten diese Kriterien den Ärzten, um meine Probleme mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung zu erklären. Diese Diagnose wurde danach nie mehr in Frage gestellt. 
Erst als der Verdacht auf Autismus sprichwörtlich im Raum stand, wurde sie gestrichen.

Wenn man als ‚Borderlinerin‘ in eine Klinik geht, wird jeder eine ‚Borderlinerin‘ sehen und niemand sich fragen, ob da nicht vielleicht doch etwas anderes hintersteckt.

Laut einer Studie zeigen viele tatsächliche Borderline-Patienten ‚autisische Eigenschaften‘. Eine tatsächliche ‚Doppel-Diagnose‘ sei hingegen sehr selten (Quelle: https://www.psychologie.uni-freiburg.de/abteilungen/psychobio/team/publikationen/nanchen_heinrichs_2016).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.