Wie beeinträchtigt der Autismus mich?

„Du wirkst gar nicht behindert, was macht es dir so schwer?“

Auf diese Frage wusste ich lange Zeit nicht adäquat zu antworten.

Dass jeder Tag eine Herausforderung für mich ist, dass ich immer angespannt und gestresst bin und Angst habe, das merkt man.Aber woran liegt das? Darüber habe ich mir in den letzten Wochen intensive Gedanken gemacht und möchte sie nun mit euch teilen.


Ich habe meine Schwierigkeiten in drei Überschriften eingeteilt:

  • Sensorik und Sensomotorik
  • Exekutive Funktionen
  • Soziale Situationen (Kommunikation)


Aller Stress, Sorgen und Ängste resultieren eigentlich aus den Problemen in den oben genannten Bereichen und des Zusammenspiels derer.


Irgendwann habe ich gelernt all meine Probleme zu kompensieren, also auszugleichen oder ihnen aus dem Weg zu gehen (rw) und habe mir sinnbildlich eine Maske zugelegt.


Diese ständige Kontrolle führt jedoch zu extremer Anspannung und panischer Angst vor Kontrollverlust.


Ich bin Perfektionistin. Wenn ich einen Fehler mache oder etwas nicht hundertprozentig funktioniert schäme ich mich sehr dafür und es belastet mich lange Zeit.

1. Sensorik und Sensomotorik


Mein Reizfilter ist sehr schlecht. Das bedeutet, dass ich mit allen Sinnen etliche Reize zur gleichen Zeit wahrnehme, sodass mein Gehirn nicht in der Lage ist diese zu sortieren oder zu interpretieren.

Die Folge dieser „Reizoffenheit“ ist eine fast schon ständige Reizüberflutung, die mich dauerhaft unter Stress stehen lässt.

Ich kann nichts „ausblenden“ oder übersehen, sondern nehme alles wahr – ob ich will oder nicht.

Mein Gehirn ist damit ständig überfordert und ich habe große Probleme angemessen zu reagieren.


Besonders in stressigen Situationen verliere ich völlig das Gefühl für meinen Körper. Das bedeutet, ich laufe gegen Gegenstände, weil ich nicht mehr weiß wie weit ich von etwas entfernt bin oder wo mein Körper anfängt.

Ich stolpere, weil ich mich selbst auf den Bewegungsablauf des Gehens konzentrieren muss und nichts mehr automatisch funktioniert.


Auch meine Körperhaltung wird dann immer steifer, da ich das Gefühl für meine Muskulatur weiter verliere und Angst habe hinzufallen, wenn ich meinen Körper nicht anspanne.

Manchmal verliere ich fast das Gleichgewicht, da mir ganz plötzlich schwindelig wird.


Ich habe ein sehr schwach ausgeprägtes Empfinden für Hunger und Durst und vergesse regelmäßig zu essen und zu trinken, wenn ich nicht daran erinnert werde.

Ein weiteres Problem ist das Einschätzen meiner eigenen Kraft. Immer häufiger ist es mir in letzter Zeit passiert, dass ich Dinge kaputtgemacht habe oder fallen ließ, da ich entweder zu viel oder zu wenig Kraft oder Druck aufwendete.


An manchen Tagen kann ich nicht mal auf einen Stuhl steigen ohne Panik zu bekommen oder eine Brücke betreten, da ich das Gefühl habe, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Bereits bei wenigen Zentimetern Höhe bekomme ich dann panische Angst und Schwindel oder verfalle in eine Art Schockstarre.

All das kann ich mit viel Konzentration und Kontrolle kompensieren, aber manchmal fehlt mir dafür einfach die Kraft.


Ich las vor kurzem einen Artikel über sensorische Integration. Diese Theorie beschreibt den neurologischen Prozess der Wahrnehmungsverarbeitung, um ein situationsbezogenes Gesamtbild von sich und der Umwelt zu bekommen. Unsere Sinne sollten im Idealfall so koordiniert zusammenspielen, dass wir uns als Teil unserer Außenwelt wahrnehmen können.

Das ist für mich ein großes Problem. Die Verbindung von Reizen von Innen und Außen ist mir nahezu unmöglich und damit auch die angemessene Reaktion auf diese. Ich fühle mich, seit ich denken kann, isoliert von meiner Umwelt – nicht als ein Teil dieser.


Ich nehme alles auf und fühle und empfinde, aber kann kaum einen Bezug dazu herstellen. Mein Körper kommt mir meist vor wie ein lebloses Gefängnis meines Geiste

2. Exekutive Funktionen


Ein weiteres Problem sind meine exekutiven Funktionen. Unter den exekutiven Funktionen versteht man die psychischen Fähigkeiten, die der Ausführung von Handlungen unmittelbar vorangehen oder diese begleiten. Grob beschrieben handelt es sich also um die kognitive Flexibilität, das Arbeitsgedächtnis und die Kontrolle impulsiver oder automatischer Reaktionen.


Ein gutes Beispiel für meine schlechten exekutiven Funktionen ist das Fertigmachen morgens vor einem Termin. Effektiv benötige ich etwa 30 Minuten im Bad. Tatsächlich schaffe ich es an einem guten Tag in einer Stunde, meist brauche ich jedoch noch deutlich länger.


Woran liegt das?

Zum einen fehlt mir trotz vorheriger Planung oftmals der Impuls endlich unter die Dusche zu steigen. Dies liegt unter anderem daran, dass mich oftmals der Gedanke an all die vielen kleinen Teilschritte des Duschens bereits überfordert.

Duschen bedeutet für mich nicht einseifen, abspülen, abtrocknen.

Es bedeutet Handtücher aufhängen, Shampoo kontrollieren, mich ausziehen, Dusche auf, darunter steigen ohne zu stolpern, Dusche zu, Duschkopf kontrollieren, Wasser an, Temperatur kontrollieren, Wassertemperatur korrigieren, Haare nass machen…. usw.


Zehn Minuten duschen bedeutet für mich etwa hundert kleine Einzelschritte.

Dabei bin ich auch nicht flexibel, denn kleinste Abweichungen oder Unterbrechungen führen dazu, dass ich so sehr aus dem Konzept gerate, dass ich nicht mehr weiß was ich als nächstes tun muss oder völlig verzweifele – mein Ablaufplan ist nicht mehr aktuell und damit nutzlos.


Solche Unterbrechungen können meine Kinder sein, die plötzlich hereinkommen und etwas wollen oder das Shampoo, das leer geworden ist oder manchmal auch nur der Schreck, weil das Wasser plötzlich eiskalt wurde.


Ich kann schwer Prioritäten setzen – da oftmals alles gleich wichtig erscheint – oder Störungen und Hindernisse einkalkulieren, weil mein Arbeitsgedächtnis damit überfordert ist.


Vorausschauende Planung fällt mir nur dann leicht, wenn sie nicht zu viele Teilschritte umfasst, da ich sonst den Anfang wieder vergessen habe, weil ich fast jeden Handgriff einzeln überdenken muss.

Wenn ich dann aus der Dusche herauskomme fällt es mir sehr schwer beispielsweise erst spontan noch einen Kaffee mit meinem Mann zu trinken, bevor ich mich weiter fertig mache, da eine solche Unterbrechung es mir sehr schwer macht wieder in den Ablauf des „Fertigmachens“ hineinzukommen.


Wenn ich ein Bild male muss ich es unbedingt gleich zuende bringen, sonst bleibt es höchstwahrscheinlich für immer unvollendet. Ein erneuter Beginn fällt mir unsagbar schwer.


Unvollendete Bilder, Ideen oder Entwürfe und Projekte habe ich in meinem Leben bereits zuhauf angesammelt und irgendwann verworfen.


Oftmals „hyperfokussiere“ ich mich auch auf meine Aktivitäten – das bedeutet, dass ich alles andere völlig ausblende, um nicht unterbrochen oder gestört zu werden.

Meinen Fokus zu wechseln ist kaum möglich.
Auch das Setzen von Zielen ist eng mit dem Planen von Handlungen und dem Berücksichtigen von Prioritäten verbunden und daher eine enorm große Herausforderung für mich.


Die exekutiven Funktionen sind stark abhängig von äußeren Einflüssen und dem eigenen Befinden, jedoch erfordern sie in meinem Fall stets deutlich mehr Konzentration als bei den meisten Menschen.

3. Soziale Situationen


Auf den Punkt der sozialen Interaktion möchte ich hier nur möglichst kurz eingehen, da er wahrscheinlich am besten bekannt und im Zusammenhang mit Autismus am häufigsten beschrieben ist.


Ich kann weder Mimik noch Gestik deuten, meist nehme ich sie nicht einmal wahr. Dadurch erkenne ich selten die Absichten und Gefühle anderer Menschen.

Dies kann ich nur aufgrund von genauen Analysen, die ich nach Gesprächen teilweise stundenlang überdenke, was enorm kräftezehrend, für mich aber existenziell ist.


Denn auch wenn ich nach außen oft desinteressiert und kühl wirke, sind mir meine Mitmenschen sehr wichtig. Ich möchte sie und ihre Gefühle verstehen und ihnen das Gefühl geben, dass sie mir nicht egal sind. Leider fällt mir das oft schwer.


Denn ich tue mich nicht nur sehr schwer mit Smalltalk, auch meine Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken kann ich in Gesprächen leider so gut wie gar nicht vermitteln. Weder nonverbal, noch mündlich.


Dies heißt jedoch nicht, dass ich nicht gerne kommuniziere oder es nicht könnte. Lediglich im direkten Kontakt fällt es mir – besonders bei mir nicht gut bekannten Menschen – leider sehr schwer, worunter ich mitunter enorm leide.


Ich bin sehr froh wenn ich auf soziale Medien oder Messanger zurückgreifen kann, um nicht völlig isoliert zu sein und mir wichtige Kontakte aufrecht halten zu können.


Auch angemessenen Augenkontakt herzustellen bereitet mir Schwierigkeiten, da ich diesen besonders bei Fremden sehr unangenehm und oft zu intim finde.


Ich analysiere und überdenke ständig was der andere wohl gerade von mir denkt, ob er versucht meine Körpersprache zu lesen, was er wohl hineindeutet, was er von mir erwartet, was er mir sagen will, ob er mich sympathisch oder anstrengend findet etc.

Ich bin ständig damit beschäftigt mein Verhalten zu planen und zu überdenken und versuche gleichzeitig den anderen zu verstehen. Dies ist jedoch so kaum möglich und sehr anstrengend.


Aber instinktiv funktioniert es nicht.


Auch in sozialen Situationen versuche ich also dauerhaft die Kontrolle über mich zu behalten.

Keine impulsiven Äußerungen oder ungewollte Reaktionen zu zeigen, da ich mir meiner Außenwirkung absolut nicht bewusst bin.

Ich bin also auch hier ständig angespannt und starr, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

Jeden Tag muss ich all das kompensieren, verbergen und kontrollieren. Dies kostet mich immer mehr Kraft.
Aber meine „Maske“ hat sich so sehr manifestiert, dass ich sie nicht ablegen kann, obwohl ich das Gefühl habe, dass sie immer mehr versagt.


Allein der Gedanke daran, nicht mehr die absolute Kontrolle über mich zu behalten, ängstigt mich extrem.

Ich kompensiere bis zur völligen Erschöpfung, doch dadurch werden meine Schwierigkeiten oft größer, denn unter Stress werde ich „autistischer“.

Das bedeutet, dass ich noch mehr Energie brauche meine Schwierigkeiten zu verbergen, noch weniger Kraft für andere wichtige Dinge habe.


Körperlich und seelisch stehe ich ständig unter extremer Anspannung, denn die Anspannung zu lösen würde bedeuten die Kontrolle abzugeben – doch was dann?

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