Autisten als Opfer sexueller Gewalt

Mögliche Gründe, warum Autisten überdurchschnittlich häufig Opfer sexueller Übergriffe werden und warum dies oft nicht bemerkt wird

-Mangelndes Gespür für Gefahren („Naivität“)
-Sexuelle Übergriffe werden vom Opfer nicht als solche erkannt (oder evtl. erst im Nachhinein)
-Unfähigkeit sich zu wehren / Unwissen wie man handeln soll
-Probleme sich jemandem anzuvertrauen / Angst (schon wieder) nicht ernst genommen zu werden / Schwierigkeiten Hilfegesuche zu formulieren
-Dem Opfer wird nicht geglaubt, da es sich nicht klar artikulieren kann / überfordert ist / aufgrund autistischer Besonderheiten unglaubwürdig erscheint
-Täter beruft sich darauf, nicht erkannt zu haben, dass die Tat nicht einvernehmlich war
-Symptome einer Anpassungsstörung / PTBS nach der Tat werden nicht erkannt / als „Symptome“ des Autismus oder anderer psychischer Erkrankungen missverstanden

Vorsicht Trigger!!

Bitte vor dem Weiterlesen beachten:

Der folgende Text enthält mögliche Trigger und sollte daher nicht von akut psychisch instabilen Personen gelesen werden!

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Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt über dieses Thema schreiben soll – doch ich halte es für überaus wichtig und sexuelle Verbrechen werden überall schon ausreichend „totgeschwiegen“.

Sehr viele Frauen werden Opfer sexueller Gewalt – das ist sicher den meisten bekannt.

Behinderte Frauen sollen sogar etwa 2-3 mal so häufig betroffen sein.

Auch Autisten sind leider sehr häufig betroffen.

Ich möchte mich im Folgenden speziell auf autistische Frauen konzentrieren, da ich einiges aus eigener Erfahrung berichte.

Wie immer gilt: ich schreibe nicht mit wissenschaftlichem oder medizinischem Hintergrund, sondern aus meiner Sicht, meine Meinung und über meine eigenen Erfahrungen.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die sexuellen Missbrauch begünstigen und/oder die Opfer danach hilflos und allein dastehen lassen:

Beispielsweise ein mangelndes Gespür für Gefahren; die Unfähigkeit sich zu wehren oder überhaupt zu reagieren („Schockstarre“); Schwierigkeiten sich jemandem anzuvertrauen; sexuellen Übergriffe werden vom Opfer unter Umständen gar nicht als solche wahrgenommen oder erkannt; herbeigerufene Hilfe glaubt dem Opfer nicht, da es sich nicht klar ausdrücken kann; der Täter beruft sich darauf, dass er nicht erkannt habe, dass das Handeln nicht kein einvernehmlich war; Symptome einer PTBS, die aufgrund anderer „Erkrankungen“ falsch gedeutet werden etc.

Eine Frage, die sich zuerst stellt ist: was ist ein sexueller Übergriff, Belästigung oder Nötigung und was „lediglich“ unhöflich oder respektlos?

Für manche Frauen ist ein langer Blick, ein „mit den Augen ausziehen“ schon übergriffig, für andere ein Hinterher-Pfeifen, anzügliche Bemerkungen, scheinbar zufällige Berührungen oder eindeutige Bewegungen, Gestiken etc.

Die „Schmerzgrenze“ eines jeden Menschen ist anders.

Selbst das Gesetz scheint hinsichtlich dessen oft sehr dehnbar.

Besonders zwischen meinem 15. und meinem 22. Lebensjahr, war ich täglich viele Stunden mit Bus und Bahn unterwegs.

In dieser Zeit habe ich einiges erlebt.

Ich bin angestarrt worden, mir wurde hinterhergepfiffen, ich wurde nach „einer schnellen Nummer“ und nach meiner Telefonnummer gefragt, ich wurde ungefragt geküsst und angefasst.

Und all das zahlreiche Male.

Warum?

Vielleicht weil ich selten jemandem böse Absichten unterstellt habe, mich nicht zu wehren wusste, mir keine Hilfe gesucht habe, mir selbst dann nicht geglaubt wurde oder ich es selbst als harmlos abgetan habe?!

Wenn mich beispielsweise im Zug jemand ansprach, habe ich immer höflich geantwortet, egal was derjenige sagte. Ich bin immer respektvoll geblieben, egal ob der andere es war oder nicht.

Ich konnte nie einschätzen, was mein Gegenüber sprichwörtlich im Schilde führte und wusste nicht wie ich mich verhalten sollte.

Also habe ich reagiert wie ich es gelernt habe: lieb, freundlich und höflich.

Bloß nichts sagen und mich lächerlich machen, vielleicht ist ja auch mein Empfinden falsch und der andere meint es nur nett.

Ich war nicht in der Lage mich zur Wehr zu setzen, weil ich nicht wusste wie. Egal wie unwohl ich mich in einer Situation fühlte, ich bin darüber hinweg gegangen und habe gelächelt.

Dinge wie ein Pfeifen oder hinterhergerufene Sprüche kann man gut ignorieren, wenn aber jemand das direkte Gespräch suchte, war ich wie gelähmt.

Oft signalisierte mein Körper mir: „Pass auf, geh lieber weg!“

Ich bekam manchmal Herzrasen oder ein mulmiges Gefühl, war aber nicht in der Lage diese Signale zu deuten.

Ich hatte große Probleme zu erkennen, wann jemand eine Grenze überschritten hat, ab wann das Gespräch nicht mehr bloß freundlich, sondern anzüglich oder respektlos mir als Frau gegenüber wurde.

Mit 15 Jahren hatte ich einen Physiotherapeuten, der einmal unter einem Vorwand übergriffig wurde.

In dem Moment kam es mir damals seltsam vor, aber ich traute mich nicht etwas zu sagen, da ich ihm glaubte, das gehöre zur Therapie.

Wie ein hilfloses, naives kleines Kind – im Körper einer jungen Frau…

Im Bus nach Hause dachte ich darüber nach:

War es wirklich in Ordnung oder war es ein Übergriff?

Durfte er das?

Was mache ich jetzt, wie verhalte ich mich?

Rede ich darüber, frage ich jemanden um Rat?

Doch ich schämte mich – weil ich mich nicht gewehrt hatte, weil ich dachte, vielleicht reagiere ich über und mir glaube sowieso niemand.

Ich machte wie immer alles mit mir allein aus.

Erst vor ein paar Jahren kam ich zufällig darauf zu sprechen und später auch über viele andere Situationen.

Oft merkte ich erst an den entsetzten Reaktionen meiner Mitmenschen, dass ich wohl viel zu oft geschwiegen habe.

Mir war viel zu oft gar nicht bewusst, dass ich mich gerade in einer Situation befand, die für mich nicht in Ordnung war – viel zu oft merkte ich es erst im Nachhinein und auch die negativen Gefühle kamen erst später, dafür aber mit um so größerer Intensität.

Das machte das Schamgefühl nur noch stärker.

Mit 16 wurde ich Opfer eines Mannes, der meine naive, gutgläubige Art ausnutzte und mich über Monate immer wieder dazu brachte mich mit ihm zu treffen, mich immer wieder manipulierte.

Trotz aller Angst wusste ich mir selbst nicht zu helfen.

Doch ich vertraute mich auch niemandem an.

Bis ich einmal allen Mut zusammen nahm und es schaffte mich zu wehren.

An diesem Abend kam die Polizei zu mir.

Ich wurde in Krankenhaus geschickt und bis dahin hatte ich noch das Gefühl ernst genommen zu werden.

Doch am nächsten Morgen im „Verhör“ bei der Polizei sah das schon ganz anders aus.

Ich wurde wie eine Verbrecherin behandelt und mehrere Stunden dort behalten, ohne Frühstück und ohne etwas zu trinken angeboten zu bekommen.

Allein – ich war damals gerade 16.

Ich war enorm verunsichert und hatte Angst – Angst nicht ernst genommen zu werden.

Da ich keine klaren Aussagen machte, weil ich völlig verstört war und nicht wusste was ich tun sollte, redete eine Beamtin immer wieder auf mich ein: “So kann das aber nicht gewesen sein, das geht doch gar nicht, eben sagtest du doch noch …”.

Letztendlich ging ich an diesem Mittag mit dem Gefühl nach Hause, das nun alles noch schlimmer werden würde.

Am nächsten Tag wurde ich gegen meinen Willen in die Psychiatrie eingewiesen – wegen Selbstgefährdung.

Meine Befürchtungen hatten sich bewahrheitet – man glaubte mir nicht und nun war ich die Leidtragende.

Drei Monate war ich mehr oder weniger eingesperrt, während der Täter weiterhin frei herumlief.  

Ich litt lange unter den Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung und entwickelte in der Klinik Depressionen und selbstverletzendes Verhalten.

Immer wieder bekam ich die Frage gestellt, warum ich das habe mit mir machen lassen, warum ich mich nicht bereits früher gewehrt habe.

Ich konnte es nicht. Ich konnte nicht klar artikulieren, dass ich das nicht wollte, ich konnte mich niemandem anvertrauen und ich hatte Angst, dass ich nicht ernst genommen werden würde.

All das machte mich natürlich nicht glaubwürdig und legte den Verdacht nahe, es wäre nicht gegen meinen Willen geschehen oder ich hätte mich gar bewusst und absichtlich in eine solche Gefahr gebracht.

Ich konnte mir damals selbst nicht erklären warum ich in eine solche Situation geraten war – ich wusste damals noch nicht, dass ich Autistin war und zweifelte mittlerweile selbst an meinem Verstand.

Nachdem ich dann auch noch in die Psychiatrie kam und ich auf den Rat meiner behandelnden Ärztin die Anzeige zurückzog, war auch das letzte bisschen Glaubwürdigkeit erloschen.

Ich stand ganz allein da, als Irre, traumatisiert und fiel das erste Mal sprichwörtlich in ein Loch, aus dem ich lange Zeit nicht mehr hinauskam.

0 thoughts on “Autisten als Opfer sexueller Gewalt”

  1. Ich möchte gerne einmal erklären, warum „liebe“, „naive“, autistische oder ähnliche Menschen immer wieder an solche Menschen geraten und geradezu immer wieder zu Opfern werden.

    Uns werden natürlich überwiegend die „erfolgreichen Übergriffe“ bekannt. Und bei diesen fällt selbstverständlich auf, dass überdurchschnittlich häufig oben beschriebene Personen Opfer geworden sind.
    Daher stellen wir uns die Frage, wie diese Täter solche „Opfer“ erkennen.

    Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: sie erkennen die „perfekten Opfer“ zunächst einmal gar nicht… vielmehr geben diese sich selbst zu erkennen.

    Und das funktioniert folgendermaßen:
    Wie oben schon erwähnt, werden wir nur auf die „erfolgreichen Versuche“ aufmerksam.
    In der Realität sind diese Täter nicht nur während eines Übergriffes Täter, sie sind es nahezu ständig, bei jeder sich bietenden Gelegenheit und jedermann oder -frau gegenüber.
    Allerdings sehr subtil und scheinbar harmlos.
    Und ab diesem Moment beginnt die Auslese. Sie bemerken jedes kleinste abwehrende Verhalten,… und sortieren diese Personen sofort aus.
    Bei den Übrigen „verschärfen“ sie ihr Verhalten um Nuancen.
    Und wieder findet diese Auslese statt.
    Und dieses Procedere geht weiter und weiter… bis tatsächlich jemand zum Opfer geworden ist.

    Und wie wir bereits geahnt haben, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit eine der ganz zu Anfang beschriebenen Personen.

    Diese Täter verfügen nicht über eine unerklärliche Fähigkeit, ihre Opfer zu erkennen. Sie probieren es einfach in unfassbar großer Zahl aus, um die zu ermitteln, die sich als perfektes Opfer zu erkennen geben.

    Darum mein Rat:
    Sobald ihr euch unwohl fühlt, sagt NEIN, STOPP
    Lieber hundertmal zu viel, als auch nur ein einziges Mal zu wenig.

    Passt auf euch auf.
    ❤️

  2. Sagittarius 1963 erklärt ganz gut, wie es zu den Übergriffen kommen kann. Was aber tun?
    Grundsätzlich gilt: wer sich unwohl fühlt, hat Recht.
    Nach meiner Erfahrung ist es aber sehr schwer, zunächst das „Unwohlfühlen“ überhaupt und besonders in der Situation wahrzunehmen. Evtl. habt ihr die Möglichkeit, Körperwahrnehmung zu üben (Vibrationsinstrumente wie Klangschale, Monochord etc. oder Aufmerksamkeitstraining)

    Wenn das gelingt, kommt der nächste Schritt: ich merke, ich fühle mich unwohl, was nun? Gibt es Möglichkeiten, mit einer vertrauten Person entsprechende Situationen und verschiedene Reaktionsmöglichkeiten auszuprobieren? (einfach weggehen ist nicht unhöflich sondern Selbstschutz!)

    Wenn es passiert ist: Gibt es die Möglichkeit, mit einer vertrauten Person zu sprechen und sich zur Anzeige begleiten zu lassen?

    Es ist mir schon klar, dass ihr besonders gefährdet seid, auch weil ihr euch nicht traut, in vielen Situationen verunsichert seid. Informationen helfen! bleibt auf dieser Seite, geht in Chat-rooms. Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung. Kämpft weiter

    1. Danke für deinen Kommentar.

      Du hast Recht, es ist wichtig sich selbst du sensibilisieren und auf seinen Körper – seine „innere Stimme“ – zu hören.

      Ich habe persönlich noch keinen Weg gefunden – erhöhte Achtsamkeit und das hineinhorchen in mich auf körperlicher Ebene, aber auch PMR (progressive Muskelrelaxation) und ähnliche Entspannungsübungen bereiten mir enormen Stress, es führt jedes Mal zum Overload.

      Ich finde ganz oft keinen Zugang zu meinen Bedürfnissen bzw nehme sie ganz oft überhaupt nicht wahr, erst recht nicht, wenn ich unter Menschen bin.

      Aber wie bei allem gilt: Lieber einmal zu oft „Nein“ sagen, als einmal zu wenig!

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