Meine erste Lesung

Wie versprochen möchte ich erzählen wie ich meine erste Lesung am 14. September 2019 erlebt und empfunden habe.

Wie ich sie wahrgenommen habe

Wie versprochen möchte ich erzählen, wie ich meine erste Lesung vor knapp zwei Wochen erlebt und empfunden habe.

Ich habe mich sehr über die Einladung und Möglichkeit gefreut, meine Texte auch „offline“ einem kleinen Publikum zugänglich machen zu können und so war die Vorfreude tatsächlich größer als meine Angst vor der Veranstaltung.

Wenn man bedenkt, dass ich mich selbst in Gruppen von drei oder vier Leuten äußerst unwohl fühle zu sprechen und unter Umständen sogar kein Wort herausbringe, zweifelte ich kurz vor dem Termin zunehmend an meinem Einschätzungsvermögen.

Da ich jedoch den Text für die Lesung erst etwa 12 Stunden vor dem Beginn selbiger beendete, war ich viel zu beschäftigt, um richtig nervös zu werden.

Die körperlichen Begleiterscheinungen, mit denen ich stets unter Anspannung zu kämpfen habe, blieben mir jedoch bereits seit einigen Tagen vorher nicht erspart.

Mein Körper spürte bereits sehr viel früher, was mein Verstand noch wegzuschieben vermochte.

Als der Tag gekommen war, holte meine Mutter mich früh zuhause ab – mein Mann musste leider bei den Kindern bleiben.

Ich besitze zwar seit sieben Jahren einen Führerschein, doch im Dunkeln zu fahren, und dazu noch eine mir völlig unbekannte Strecke, traue ich mir nicht zu – besonders nicht unter Anspannung.

Auf der mehrstündigen Autofahrt durch in tiefem Nebel liegende Eifel-Dörfer wurde mir jedoch immer bewusster, wie leichtsinnig dieses Unterfangen schien.

Ich, die bereits zu Schulzeiten mit selektivem Mutismus zu kämpfen hatte, damals kaum in der Lage war vor ihrer eigenen Klasse zu sprechen und bei bevorstehenden Präsentationen meist zuhause im Bett blieb, sollte nun vor fast 30 überwiegend völlig fremden Menschen ihre eigenen Texte lesen, ohne zu wissen, ob die Zuhörer überhaupt hören wollen was ich herausgearbeitet hatte oder es überhaupt zu ertragen ist, mir eine Stunde lang zuzuhören.

Meine Selbstzweifel wuchsen während der Autofahrt mit jedem zurückgelegten Kilometer.

Als wir auf dem Parkplatz des Veranstaltungsortes ankamen, traute ich mich kaum auszusteigen.

Ich war bereits völlig überreizt und hatte Angst einem Menschen zu begegnen.

Die liebevoll schroffe, drängende Art meiner Mutter und ihr Versuch mir auf dem Parkplatz kuriose Atemübungen beizubringen, statt mir einfach meine Zeit zu lassen, verbesserten die Situation nicht.

Wir waren recht früh und warteten draußen.

Statt mich nun irgendwo unauffällig zu verkriechen, die Lage zu beobachten und zu hoffen, dass ich schon rechtzeitig mitbekommen werde, wenn jemand der Veranstalter kommt, der mir die Räumlichkeiten zeigt, stand ich nun mit meiner Mutter mitten vor dem Eingang des Gebäudes und diskutierte mit ihr, warum ich nicht „einfach“ hineingehen und an der Rezeption fragen kann.

Ich war so nervös und hatte den starken Impuls einfach wegzulaufen.

Doch dann wurde ich sehr freundlich begrüßt und in Empfang genommen und – zack – hatte ich wieder meine Maske auf.

Ich versuchte mich normal zu unterhalten, auch wenn es mir wohl sichtlich schwerfiel möglichst „normal“ zu wirken, obwohl mir bewusst war, dass dies sicherlich nicht uneingeschränkt von mir erwartet wurde.

Als langsam immer mehr Menschen kamen und der Raum sich füllte, versuchte ich dies möglichst zu ignorieren und mich abzuschirmen.

Wie ein kleines Kind versuchte ich nicht wahrgenommen zu werden, solange ich die anderen auch nicht wahrnahm.

Das funktionierte dann auch bei dem ersten Teil meiner Lesung sehr gut – ich war in der Lage die Zuhörer gänzlich auszublenden, starrte stur auf meinen Text und war absolut fokussiert.

Erst als danach eine Pause angekündigt wurde, merkte ich wie schwindelig mir war, ich fühlte mich, als wäre ich gerade aus einer tagelangen Starre erwacht und gleichzeitig wie erdrückt – wovon wusste ich nicht.

Ich wollte nur noch von den ganzen Menschen weg und schob dieses Gefühl von mir, dass die Menschen da waren, um mir zuzuhören und wollte mich eigentlich wieder nur verstecken.

Ich ging stattdessen mit meiner Mutter nach draußen und versuchte möglichst niemandem zu begegnen oder einen anderen Menschen auch nur anzusehen.

Meine Mutter gab mir in der Pause bereits ein kurzes Feedback, dass sie und auch die anderen mir gebannt zugehört hätten und der Text wirklich interessant sei.

Nach der Pause meldeten sich einige ZuhörerInnen zu Wort und gaben mir ebenfalls sehr gute Rückmeldungen und einige wirkten von ihren Gefühlen überwältigt, da sie, wie sie sagten, sich in meinen Worten so wiederfänden.

In diesem Moment konnte ich rational auch die Empfindungen zuordnen, die ich die ganze Zeit über verspürt hatte, auch mir kamen die Tränen und ich war absolut überfordert mit meinen Emotionen.

Bei der zweiten Hälfte des Textes fiel es mir danach sehr schwer mich zu konzentrieren oder die anderen Menschen auszublenden.

Ich hatte sie nun einmal an mich „herangelassen“, nun war mein „Schutzschild“ weg und ich ausgeliefert.

Die gefühlte, angenehme Distanz zu den anderen wich nun dem Gefühl des Kontrollverlusts.

An die Feedback- und Fragen-, bzw. Diskussionsrunde nach der Lesung kann ich mich bis auf einzelne Situationen kaum noch erinnern.

Ich bekam leider nicht mehr viel mit.

Einige Zuhörer kamen auch im Anschluss daran noch einzeln auf mich zu, was ich als deutlich angenehmer empfand als in der großen Runde und was ich auch deutlich besser verarbeiten konnte.

Die Rückmeldungen waren ausnahmslos positiv und haben mich teilweise sehr berührt, ebenso wie die Emotionen, die dabei rüberkamen.

Eigentlich war es ein sehr positives Erlebnis, doch ich habe mich bis heute nicht vollständig davon erholt.

Zum einen war ich tagelang kaum in der Lage zu irgendetwas, da ich mich fühlte, als hätte mich ein LKW überrollt.

Ich war völlig ausgebrannt – besonders emotional.

Mein Mann sagte mir, er habe mich die ersten Tage nicht wiedererkannt, so sehr habe ich mich zurückgezogen und abweisend reagiert.

Ich hatte mich emotional in mich zurückgezogen, da ich so viel zu verarbeiten hatte und keine weiteren Gefühle zulassen konnte.

Nachdem ich mit meinem Mann darüber gesprochen hatte, weinte ich jeden Tag so viel wie seit Monaten nicht mehr.

Es hätte mir wohl sehr geholfen, wenn mein Mann bei der Lesung dabei gewesen wäre, da ich mich bei ihm auch emotional immer wieder erden kann und seine Anwesenheit mir viel Kraft und Schutz bietet.

So war ich quasi nackt allen Einflüssen ausgeliefert.

Trotzdem würde ich eine solche Gelegenheit immer wieder nutzen und bin sogar ein wenig stolz auf mich, dass ich mich in diese Situation begeben habe.

Rückblickend habe ich erkannt, in welchen Momenten ich mehr auf mich hätte achten müssen, was mich besonders viel Kraft gekostet hat und welche Umstände von vornerein von mir hätten anders geplant werden müssen.

0 thoughts on “Meine erste Lesung”

  1. wie bekannt mir so vieles davon vorkommt. Selektiver Mutismus, vor Leuten sprechen usw… Und inzwischen führe ich im Betrieb Sicherheitsschulungen, Evakuierungsübungen usw durch, ohne dass Außenstehende in dem Moment was merken. Ich selbst hab dann dennoch lange zeit danach weiche Knie, aber ich habs wieder hingekriegt. So wie ich vorher auch oft den Tunnelblick hatte, Panik.. bis hin jedesmal zum Bedürfnis alles abzublasen, und mich unsichtbar zu machen. Schon deshalb fand / find ichs so stark, was du da machst, auif dem Foto wirkst du sehr fest und in dir ruhend, was einmal mehr beweist, dass die allermeisten gar nicht merken, wenn du etwas aufgeregt bist, und nur wenige ein bissel merken, wenn du sehr aufgeregt bist. Bin froh dich zu kennen und dich zu lesen 🙂

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