Empathie?!

Zunächst einmal kann man natürlich nicht alles verallgemeinern, da jeder Mensch anders ist.
Ich möchte jedoch hier zum besseren Verständnis das Thema Empathie noch einmal aufgreifen und auch an meinem Beispiel erklären.

In dem Bild unterscheide ich zwischen „kognitiver“ und „affektiver“ Empathie.

Wenn ich mit einem Menschen spreche kann ich meist nicht erkennen, wie derjenige sich fühlt.
Ich erkenne es weder am Gesichtsausdruck, da ich diesen gar nicht wahrnehme, noch am Tonfall meines Gegenübers.
Daraus resultiert auch die Schwierigkeit Gedanken und Intentionen zu interpretieren.

Ich nehme lediglich das gesprochene Wort wahr und nicht „automatisch“, wie es bei den meisten Nicht-Autisten funktioniert, auch die Emotionen, die dahinterstecken.

Ich kann sie also „kognitiv“ nicht wahrnehmen, also nicht erkennen und daher auch nicht verstehen.

Das heißt jedoch nicht, dass ich die Gefühle nicht verstehe, wenn ich sie erkenne oder nicht in Lage bin sie nachzuvollziehen.

Ich bin sehr gut im Analysieren von Situationen, Gesprächen und Reaktionen meiner Mitmenschen.
Leider erst im Nachhinein, wenn ich in Ruhe darüber nachdenken kann. Auch beim Schreiben mit anderen Menschen über das Internet, kann ich ihre Intentionen und Gedanken verstehen.

Jedoch nicht „von allein“, sondern weil ich die Nachrichten „auseinandernehmen“ und analysieren kann.

Das Wort „kognitiv“ steht im Zusammenhang mit der Empathie für „erkennend“, also frei übersetzt ist von „erkennendem Einfühlungsvermögen“ die Rede.

Das Analysieren und Verstehen von Intentionen und Gedanken hat jedoch nichts mit Erkennen oder dem bewussten Wahrnehmen zu tun, sondern basiert auf eigenen Erfahrungen, Abgleich mit vergangenen Situationen, erlerntem etc.

Die „affektive Empathie“ beschreibt die eigenen Emotionen, die durch die Gefühle anderer ausgelöst werden.
Dafür ist es nicht notwendig, dass wir diese bewusst wahrnehmen oder gar erkennen.

Viele Autisten und so auch ich, sind sehr sensibel was die Stimmungen anderer betrifft. Ich verspüre in Gesprächen beispielsweise oft plötzlich ein sehr bedrückendes oder aber auch ein sehr positives Gefühl, das ich zunächst nicht zuordnen kann, das aber rückblickend mit den Gefühlen übereinstimmt, die mein Gegenüber wohl in dem Gespräch empfand. Erkennen kann ich dies jedoch erst im Nachhinein.

Ich lasse mich sehr von der Stimmung anderer anstecken – wenn sie echt ist.
Falsche Freundlichkeit oder ein aufgesetztes Lächeln kann ich nur ebenso unecht erwidern.

Wenn es Spannungen oder Streitigkeiten zwischen Menschen gibt, von denen ich noch nicht einmal etwas wissen muss, habe ich das Gefühl meine Brust zieht sich so sehr zusammen, dass ich fast keine Luft mehr bekomme.

Als ich das erste Mal in einer psychiatrischen Klinik war (damals wusste ich noch nicht, dass ich Autistin bin) habe ich starke „Stimmungsschwankungen“ gehabt – zumindest nannte man es so.

Vielmehr bin ich aber extrem von den Emotionen meiner Mitpatienten beeinflusst worden.
Ging es ihnen schlecht, war ich traurig und antriebslos, waren sie euphorisch und gut gelaunt, ging es mir auch gut und war die Stimmung eher aggressiv und angespannt, konnte ich mich auch davon kaum distanzieren.

Ich war quasi der Spielball der Emotionen der Menschen um mich herum.

Teilweise ist es bis heute noch so. Jedoch kann ich mich mittlerweile emotional etwas besser davon distanzieren. Ich kann also besser damit umgehen, wenn mir bewusst wird, dass die Gefühle, die ich empfinde, nicht meine eigenen sind.

Trotzdem bin ich wohl noch sehr viel sensibler und anfälliger für Stimmungen und Emotionen als die meisten anderen Menschen.

Wenn ich fühle oder erkenne, dass es jemandem schlecht geht, empfinde ich ein großes Bedürfnis zu helfen.
Meine Mutter nennt es gerne „Helfersyndrom“ – am liebsten würde ich jedem Menschen helfen, bis zur Selbstaufgabe.

Ich kann jedoch nicht trösten. Ich empfinde keinen Impuls jemanden in den Arm zu nehmen oder gut zuzureden.
Meist wirken solche Versuche bei mir hölzern, da sie nicht echt sind. Ich möchte jedoch niemandem das Gefühl geben, dass mir seine Emotionen egal sind – denn das Gegenteil ist der Fall. Sie berühren mich mehr als sie sollten. Aber das sieht man nicht.

Ich bin dann völlig überfordert – von mir wird etwas erwartet, aber ich bin selbst zu involviert, um helfen zu können.

Manchmal entziehe ich mich dann der Situation, was oft als Ignoranz oder Gefühlskälte gedeutet wird. Jedoch ist genau das Gegenteil der Fall. Ich möchte einfach nichts falsch machen oder missverstanden werden.

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