Nur weil meine Realität eine andere ist als deine, ist sie nicht weniger real.

Der große Unterschied zwischen Autisten und Nicht-Autisten liegt in der Wahrnehmung. Genauer gesagt in der Verarbeitung von Reizen im Gehirn.

Wir sehen, hören, riechen und schmecken das gleiche wie alle anderen Menschen auch.

Trotzdem stören Autisten oft Geräusche, Gerüche oder helle Lichter, die Nicht-Autisten entweder gar nicht auffallen oder die sie zumindest problemlos ignorieren können.

Ebenso sind auch Berührungen, wie Umarmungen, die Nicht-Autisten als angenehm oder tröstend empfinden, für manche Autisten eher unangenehm und störend.

So auch für mich – wenn ich jedoch entspannt bin und gut gelaunt bin, kann ich sie oft tolerieren und bei Menschen, die mir sehr nahe stehen genieße ich sie sogar. Dabei fühlen sie sich dann nicht anders an als wenn es mir schlecht geht.

Falls ich in Situationen berührt werde, wenn ich bereits überreizt bin, habe ich das Gefühl meine Nerven würden vor Spannung zerreißen.

Eine Hand auf meinem Arm fühlt sich dann wie ein aggressiver Angriff an, auf den ich nicht selten impulsiv reagiere.

Zum Beispiel indem ich meinen Arm energisch wegziehe oder sogar die Hand wegschlage.

Nicht anders ergeht es mir bei lauten oder störenden Geräuschen, bei vielen Gerüchen oder bei hellem oder gar blinkendem Licht.

In meiner Realität sind diese Dinge extrem belastend.

Meine Realität ist laut, grell und aufdringlich.

Daran kann ich nichts ändern.

Ich kann mich nicht „nicht anstellen“, „über meinen Schatten springen“, es „einfach ignorieren“ oder „darüber stehen“.

Wenn ich derartigen äußeren Reizen, die die meisten Menschen ausblenden können, ausgeliefert bin, ist mein Körper dauerhaft so gestresst, dass es mit „jetzt reiß dich doch mal zusammen“ nicht getan ist.

Aber nicht nur Sinnesreize können zu einer solchen „Überladung“ führen.

Auch Gefühle wie Trauer, Wut, Angst, Scham aber auch Freude und Liebe empfinden Autisten oft als so intensiv, dass sie den Stresspegel sprichwörtlich in die Höhe treiben und einen Overload begünstigen oder verursachen können.

Dazu hier ein Beispiel aus meinem Leben:

In der Wohnung unter uns lebten zwei Brüder, die mindestens einmal in der Woche „Party machten“. In ihrer Wohnung, mit Musik, direkt unter unserem Schlafzimmer. Meist bis zum nächsten Morgen.

Draußen hörte man die Musik nicht und auch in unserem Schlafzimmer hörte oder spürte man nur das kontinuierliche „Bumbumbum“ der Bässe.

Die erste Party nach dem Einzug der beiden Männer fand an dem Tag statt als mein Opa verstarb.

Ich ging runter, bemühte mich freundlich zu bleiben und bat die beiden erfolglos, die Bässe etwas runter zu drehen.

Die Bässe „hämmerten“ die ganze Nacht.

Und die folgenden acht Monate – jedes Wochenende.

In dieser Zeit schlief ich kaum und weigerte mich ins Bett zu gehen, egal wie müde ich war.

Mein Mann verdrehte nur die Augen, legte sich ins Bett und schlief ein. Er hörte die „leisen“ Bässe zwar, empfand sie aber nicht als störend und verstand darum nicht, warum ich mich „so anstellte“.

Jede Woche wuchs meine Anspannung bis zum Wochenende.

Irgendwann war ich so gereizt, dass ich beim ersten Geräusch aus dem Flur oder der Wohnung unter uns, kurz vor einem Meltdown stand.

Wenn die Bässe dann wieder zu „wummern“ begannen, flogen im Schlafzimmer die Gegenstände, ich knallte das Sofa immer wieder auf den Boden und schrie und weinte.

Normalerweise bin ich ein sehr beherrschter und kaum impulsiver Mensch, doch in diesen Situationen war ich so verzweifelt, dass ich mich nicht unter Kontrolle hatte.

In den ersten Wochen bekam ich darüber immer wieder Streit mit meinem Mann – später bemerkte er aber, dass ich nicht anders konnte und ärgerte sich irgendwann ebenfalls, da er sah, wie furchtbar diese Situationen tatsächlich für mich waren.

Sonst verstand mich niemand, weder die unsere Vermieter, noch unsere Nachbarn oder Besuch mit denen ich darüber sprach.

Zu den störenden Geräuschen kamen damals meine Wut und mein Ärger über die Ignoranz dieser Menschen.

Ich versuche den Spruch „Was du nicht willst was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ zu leben.

Mein großes Problem ist jedoch, dass ich diese Einstellung auch von anderen Menschen erwarte – und stets enttäuscht werde.

In der Realität der jungen Männer existierte nur ihr Vergnügen und sie verstanden nicht, dass ich mich über die Musik, die tatsächlich nicht besonders laut war, so aufregte. Sie verstanden nicht, was die ständige „Lärmbelästigung“ und ihre Ignoranz mit mir machte.

In der Realität meines Mannes existierte der „Lärm“ zwar, war aber absolut erträglich und für ihn zunächst kein Grund sich aufzuregen.

In meiner Realität aber waren die Wochenenden in diesen acht Monaten die Hölle (rw). Ich litt dauerhaft unter dieser Anspannung vor den Wochenenden und dem „Lärm“ in den Nächten.

Bis zu einem gewissen Punkt kennen das sicherlich alle Menschen von sich.

Dauerhafte, beziehungsweise widerkehrende Störungen belasten jeden, trotzdem halte ich das Beispiel für sinnvoll, um zu veranschaulichen, dass jeder Mensch, egal ob Autist oder nicht, seine eigenen Grenzen hat.

Manche Menschen können Störungen einfach ignorieren, manche sind besonders empfindlich was Geräusche angeht oder besonders emotional.

Bei Autisten und hochsensiblen Menschen ist das sinnbildliche Fass jedoch in viel kürzerer Zeit voll und es braucht dazu viel weniger oder schwächere Reize.

Zudem ist der Leidensdruck, den solche Überreizungen verursachen nicht zu vergleichen mit dem Ärger, den zum Beispiel lärmende Nachbarn bei den meisten anderen Menschen auslösen.

Wir stellen uns nicht an. Wir sind auch nicht egozentrisch oder aggressiv, wir können uns nur von vielen Dingen nicht ausreichend abgrenzen oder einfach „ausblenden“. Viele von uns nehmen sich zudem auch das Verhalten anderer Menschen sehr viel mehr zu Herzen als die meisten.

Wir können nicht anders.

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