Kompensation und Masken

Viele Autisten sind in der Lage „typisch autistische Verhaltensweisen“ zu kompensieren und sich so gut zu „maskieren“, dass sie kaum auffallen. Doch die meisten zahlen dafür einen hohen Preis…

Viele Autisten müssen bereits sehr früh feststellen, dass sie mit ihren Besonderheiten und ihren Eigenarten immer wieder auf Unverständnis und Schwierigkeiten stoßen.
Sie werden selten so akzeptiert wie sie sind und bemerken meist schon im Kindergartenalter, dass sie anders sind als ihre Altersgenossen.

Ganz besonders Mädchen und intelligente Kinder beginnen sich Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen abzuschauen, ihre natürlichen Impulse zu unterdrücken, sich anzupassen und ihr Gegenüber zu spiegeln.

Über die Jahre perfektionieren viele Autisten diese Anpassung so sehr, dass sie das Gefühl haben ihr eigenes ‚Ich‘ zu verlieren oder sogar nie gefunden zu haben.
Einige sind sich nicht einmal mehr bewusst, dass ihr Verhalten nur abgeschaut und antrainiert ist.

Folgen dieses ständigen Maskierens sind oftmals ein niedriges Selbstwertgefühl, schwere Krisen, Depressionen, Burnouts und weitere psychische Krankheiten.

Außerdem ist dieses Kompensieren ‚autistischen Verhaltens‘ wohl der Hauptgrund dafür, dass besonders bei Frauen Autismus oft teilweise über Jahrzehnte unerkannt bleibt.

Vor einiger Zeit wurde die Kampagne #takethemaskoff ins Leben gerufen. Sie soll vor allem Autisten dazu aufrufen, die ‚Maske‘ abzulegen, also sie selbst und echt zu sein, ihr wahres ‚Ich‘ nicht mehr hinter einer ‚Maske‘ zu verbergen.

Auch ich habe bereits früh gelernt, dass ich so wie ich bin als anstrengend, merkwürdig, seltsam und ‚anders‘ wahrgenommen wurde.
Ich habe mir angewöhnt lieber gar nichts zu sagen, als das, was mir durch den Kopf geht. Mein innerer Impuls Menschen ins Gesicht zu sagen was ich denke, kam in meiner Kindheit nicht gut an.

Ständig wurde ich missverstanden, meinen Gedankengängen konnten die wenigsten folgen, mir wurden Charakterzüge unterstellt, die mir absolut fern liegen und immer wieder musste ich mir anhören „Irgendwas stimmt doch nicht mit dir!„.

Dieser Satz hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.

Tatsächlich bin ich völlig anders als die Menschen um mich herum. Zumindest in meinem Denken, meinem Fühlen und meinem Erleben.

Nach außen hin habe ich gelernt mich nahezu perfekt anzupassen:

Ich kann Augenkontakt halten – doch es stresst mich sehr.

Ich ’stimme‘ (‚Stimming‚ = selbstregulierendes Verhalten, sich wiederholende Bewegungen oder Aktivitäten) in der Öffentlichkeit nicht oder nur sehr selten und lege auch sonst kaum sichtbare, stereotype Verhaltensweisen an den Tag – doch eigentlich würde mir dies oft sehr helfen und ich unterdrücke es nur.

Wenn sich jemand mit mir unterhalten möchte, spreche auch wenn mir eigentlich überhaupt nicht danach ist – wenn es mir nicht gut geht, kostet mich jedes Wort enorme Anstrengung.

Lange war ich ein Sammelsurium an Verhaltensweisen und Eigenarten anderer Menschen.
Ich habe Ausdrucksweise, Tonfall, die Art sich zu bewegen, zu kleiden und sogar die Schrift anderer Menschen, die ich mochte oder die augenscheinlich von vielen anderen Menschen gemocht wurden, übernommen.

Dieses ‚Maskieren‘ hat mir geholfen bis zur elften Klasse größtenteils unauffällig meine Schulzeit zu überstehen und irgendwie zurecht zu kommen – zumindest nach außen hin.

Mittlerweile versuche ich nicht mehr andere zu imitieren, sondern so zu sein wie ich bin.

Aber wie bin ICH?
Ist mein ‚Ich‘ nicht völlig geprägt von dem jahrelangen Kopieren anderer Menschen?
Habe ich überhaupt ein ‚Ich‘ entwickelt?

Tatsächlich habe ich noch keine Antworten auf diese Fragen gefunden.

Obwohl ich heute nicht mehr so sein möchte wie jemand anderes, bin ich trotzdem nicht mehr ich sobald ich das Haus verlasse oder Menschen treffe.
Vollkommen automatisch und selbstverständlich schaltet mein Gehirn in einen anderen Modus, wie ein Schalter, der sich umlegt.

Selbst wenn ich dabei versuche ich zu bleiben, kompensiere ich doch so viele Verhaltensweisen und Eigenarten, die eigentlich zu mir gehören.

Ich kann gar nicht anders. So sehr ich es versuche, die ‚Maske‘ lässt sich nicht einfach so ablegen.
Wie auch, wenn sie doch so viele Jahre ständiger Begleiter und oft überlebensnotwendig war?

(Doch, manchmal schaffe ich es ein Stück weit, bei Menschen, denen ich vertraue und/oder die von meinem Autismus wissen und zumindest ein wenig Ahnung haben. Bei meinem Mann sowieso.)

Leider habe ich von anderen Menschen bereits oft das Gefühl vermittelt bekommen, ich steigere mich seit meiner Diagnose in etwas hinein und würde mich nicht nur nicht ausreichend bemühen ’normal‘ zu sein, sondern meine ‚Symptome‘ sogar absichtlich noch stärker erscheinen lassen.

Natürlich entspricht das nicht der Wahrheit – ich möchte akzeptiert werden wie ich bin, mit allen Eigenarten, Stärken und Schwierigkeiten.

Mich hat dieses ‚Maskieren‘ so krank gemacht, dass ich bereits mehrfach in psychiatrischen Kliniken war, Depressionen, Burnouts und mehrere Suizidversuche eingeschlossen.

Ich wusste nicht wer ich bin, war innerlich erschöpft vom täglichen ‚Theaterspiel‘ und wurde doch meist abgelehnt.

Durch mein fast schon verzweifeltes Bemühen dazu zu gehören und akzeptiert zu werden, bin ich an Menschen geraten, die es ausgenutzt haben.
Ich war ein leichtes Opfer, da ich völlig alleine und durch den Autismus nicht in der Lage war mich irgendwem anzuvertrauen oder gar zu öffnen.

Erst als ich letztes Jahr erfuhr, dass ich Autistin bin, verstand ich all das:
Warum ich nie ich sein konnte, immer nur andere imitierte und spiegelte und mich selbst nicht kannte.

Seitdem versuche ich bewusst meine ‚Maske‘ so oft wie möglich zu Hause zu lassen und ich zu sein.
Mein Sein zuzulassen.

Es fällt mir extrem schwer und ich wirke seitdem sicherlich um ein vielfaches ‚autistischer‘, aber ich bin bereits jetzt sehr viel zufriedener mit mir selbst geworden.

Ich bin ich.

Und auch wenn sich seitdem noch mehr Menschen von mir abgewendet haben und ich auch von Menschen aus meiner Familie und ehemaligen Freunden belächelt werde, weiß ich doch, dass Selbstachtung und Zufriedenheit nur möglich sind, wenn man sich seines Selbst absolut bewusst ist und dazu steht.

Ich möchte mich nicht mehr verstellen oder etwas tun, dass mir fremd ist, nur weil andere es erwarten.

Ich möchte zu mir stehen dürfen und ich hoffe, dass alle Menschen, die ‚irgendwie anders‘ sind und nicht in die Norm passen, sich trauen nach draußen zu gehen und stolz sagen können

„Das bin ich und ich bin so wie ich bin genau richtig!“

0 thoughts on “Kompensation und Masken”

  1. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Wäre meine Familie nicht gewesen, wüsste ich nicht wo ich heute wäre.

    Durch die frühe Diagnose habe ich zumindest verstanden, dass das, was bei mir anders ist ein Namen hat. Mehr aber auch nicht.
    Mir wurden auch immer wieder Eigenschaften unterstellt, die mir total fern liegen und die meisten haben mich dennoch nicht verstanden.

    Erst nachdem ich in eine Selbsthilfegruppe gegangen bin, habe ich mehr verstanden – und auch, dass ich schon immer mit Autisten zu tun hatte, die aber bis heute keine Diagnose haben und teilweise weiter durchs Leben straucheln.

    LG
    Katharina

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