Ist Autismus eine Behinderung? (Gastbeitrag meines Mannes)

Ist Autismus eine Behinderung? Ich denke, die Antwort darauf muss eindeutig „Jein“ lauten.

Ist Autismus eine Behinderung? (aus der Sicht eines Nicht-Autisten)

Dieses Thema wird in diversen Foren immer wieder emotional aufgeheizt und kontrovers diskutiert.
In der Regel kann ich die Argumente der verschiedenen Sichtweisen sehr gut verstehen und auch nachempfinden.

Darum habe ich mich eingehend mit dieser Thematik befasst möchte im Folgenden meine Sichtweise bildlich darlegen.

Erst kürzlich las ich einen Artikel über ein erstmals entdecktes Volk im brasilianischen Amazonasgebiet, welches bislang ohne jeden Kontakt zur Zivilisation lebte.

Sogleich hatte ich folgenden Gedanken: Was würde passieren, wenn man ein Mitglied dieses Stammes entführen und mitten in New York aussetzen würde?

Würde dieser Mensch auch nur dreißig Minuten überleben?

Würde diese Person vielleicht durch die ihm völlig fremden Geräusche, Gerüche, optischen Eindrücke, Reize dermaßen überfordert, dass sein Gehirn einfach abschaltet?

Würde dieser bedauernswerte Mensch wirklich einfach abschalten, umfallen und seine Funktion unwiderruflich einstellen?

Ich könnte mir vorstellen, dass genau das tatsächlich passieren könnte…

War diese Person denn behindert, dass sie einfach so dahinscheidet, ohne dass ihr Gewalt angetan wurde (von der sanft vollzogenen Entführung einmal großzügig abgesehen) oder andere gesundheitsbedenkliche Einflüsse eine Rolle gespielt hätten?

Mir ist zumindest kein Fall bekannt, wo unter ähnlichen Umständen jemand einfach nur in New York mitten auf der Straße tot umgefallen wäre, ohne dass es eine medizinische Erklärung gegeben hätte.

Und doch könnte ich mir weiter oben beschriebenes Szenario real vorstellen, ja halte es sogar für wahrscheinlich.

Also wiederhole ich meine Frage: War diese Person vielleicht behindert?

Natürlich müssen wir, um diese Frage beantworten zu können unseren Blickwinkel verändern.

Vorausgesetzt dieser Mensch erfreute sich völliger Gesundheit und hatte auch keine körperlichen Einschränkungen im medizinischen Sinne, dann dürften seinen Stammesmitglieder ähnlich wie er selbst wohl mit Berechtigung behaupten, dass er nicht behindert war.

Wenn wir die Augenzeugen seines Dahinscheidens mitten auf dem Bürgersteig der Fifth Avenue befragen, würden diese allerdings sehr wohl eine gewisse Behinderung ausgemacht haben.

Kommen wir zu unserer Ausgangsfrage zurück:

Ist Autismus eine Behinderung?

Muss unsere Antwort darauf nun nicht eindeutig „Jein“ lauten?

Im deutschen Sprachraum hat das Wort Behinderung neben der eigentlichen Bedeutung leider immer auch einen negativen Beigeschmack. Das ist meines Erachtens einer der vorrangigen Gründe für die ablehnende Haltung der meisten Menschen gegen diese Bezeichnung.

Schauen wir uns einmal andere Beispiele an, wo Menschen oder andere Lebewesen eindeutig behindert sind, ohne an einer Behinderung zu leiden.

Schaut man sich einen gesunden Delfin an, der anmutig und grazil durch die Weltmeere gleitet, klug, vor Kraft strotzend und ganz sicher nicht behindert – wie hilflos, plump und ohne Hilfe ganz sicher dem Tode geweiht erscheint er uns, sobald er durch widrige Umstände an Land gespült wurde… einer ihm fremden Welt, für die er nicht geschaffen wurde.

Behindert.

Ein kleines Kapuzineräffchen, aus seinem natürlichen Lebensraum gerissen und der „Obhut“ verantwortungsloser Menschen überlassen, erscheint bezüglich seiner eigentlichen Bestimmung äußerst behindert gegenüber seinem Halter.
Aber lasst uns die beiden einmal in des Affen natürlicher Welt vergleichen… wer mag uns wohl jetzt unterlegen, behindert erscheinen?

Der Mensch, die selbsternannte Krönung der Schöpfung, das einzige Lebewesen auf Erden, dem es bislang gelungen ist, seine Welt zu verlassen und in den Weltraum vorzudringen.
Aber ist das so erstrebenswert, wenn man betrachtet, wie eingeschränkt, wie behindert er doch in dieser ihm fremden Welt ist?

Nämlich völlig behindert und nur mit Unterstützung diverser Hilfsmittel überlebensfähig.

Und als letztes Beispiel ein Lebewesen, das intelligent ist, das stark ist, das schön ist, das anmutig ist…
aber seinem natürlichen Lebensraum entrissen wurde und in eine ihm fremde und feindliche Welt hineingeboren wurde und seine eigentlichen Fähigkeiten nur unter widrigen Umständen entfalten kann.

Ein Lebewesen, dessen Überleben ein ständiger Kampf gegen eben diese widrigen Verhältnisse ist, die einen großen Teil seiner ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen darauf verwenden muss, sich in dieser ihm feindlichen Welt zu behaupten.

Ein Lebewesen, das trotz dieser Umstände zu großartigen Leistungen fähig ist, obwohl es gewissermaßen seiner natürlichen Heimat entrissen wurde:

Einer Welt , deren Sonne nicht so hell ist.
Einer Welt, deren Farben nicht so grell sind.
Einer Welt, deren Gerüche nicht so penetrant sind.
Einer Welt, die nicht so laut ist.
Einer Welt die nicht verbaut ist.
Einer Welt, die für Autisten gebaut ist.

Ist dieses Lebewesen in dieser Welt nicht behindert?

Ich denke doch…
aber es kommt immer darauf an, von welcher Straßenseite man es betrachtet.

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