Kompensation und hohe Intelligenz

Gerade besonders intelligente Autisten kompensieren oft so gut, dass sie kaum auffallen

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Viele Autisten, besonders Frauen kompensieren oft sehr gut. Dies hat nicht zwangsläufig mit hoher Intelligenz oder Hochbegabung (IQ >129) zu tun. Jedoch möchte ich in diesem Beitrag intensiver auf diese Besonderheit eingehen.

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Viele erwachsene Autisten fallen im Alltag oder in sozialen Situationen kaum auf. Das liegt jedoch nicht daran, dass sie nur ‚leicht autistisch‘ oder gar aus dem Autismus ‚herausgewachsen‘ sind.

Sie haben vielmehr gelernt ‚autistische‘ Verhaltensweisen zu kompensieren und ihre Schwierigkeiten zu verbergen.
Nicht immer geschieht das bewusst.

Besonders hochbegabte Autisten fallen dadurch schon im Kindesalter viel seltener auf als durchschnittlich intelligente Autisten. Dies hat nichts mit der ‚Schwere‘ des Autismus zu tun.

Im Englischen gibt es den Begriff „twice exceptional children“ (zweifach besondere Kinder). So werden in der Sozialpädagogik Schüler bezeichnet, die sowohl eine ‚besondere Begabung‘ (z.B. eine Hochbegabung), als auch ein ‚Handicap‘ (z.B. Autismus) haben.

Die Problematik liegt darin, dass sie in einigen Bereichen unter- und in anderen überfordert sind.
Insgesamt fallen sie nach außen viel weniger auf als ’nur‘ autistische oder ’nur‘ hochbegabte Kinder.

-> Zu intelligent um autistisch zu wirken und zu autistisch, um intelligent zu wirken.

Das beschreibt das zugrundliegende Problem sehr gut.

Kinder, die im Laufe ihrer Schulzeit als besonders intelligent auffallen, können gefördert werden und haben aufgrund ihrer guten Leistungen oft wenig Schwierigkeiten in der Schule.

Autisten fallen in der Schule oft durch Überforderung in sozialen Situationen oder ‚typisch autistische‘ Verhaltensweisen auf.

Intelligente Menschen sind meist in der Lage, ihre autistische Wahrnehmung und ihr autistisches Denken nach außen hin sehr gut zu verbergen. Dadurch werden sie oft sehr spät oder gar nicht diagnostiziert.

Oft bekomme ich zu hören „Du hast ja Glück und bist nur leicht autistisch.“

Ich verstehe diese Einschätzung, denn meine Besonderheiten sind gut ‚getarnt‘.

Auf Fremde wirke ich höchstens seltsam oder schüchtern, jedoch sicher nicht immer autistisch.

Meine Wahrnehmung, mein Denken und meine Emotionen sind dennoch eindeutig autistisch.

Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Autismus und Hochbegabung ist der Denkstil.

Während Autisten zumeist sehr unflexibel in ihrem Denken sind und dadurch mitunter stur und eingefahren wirken(!), sind ’nur‘ Hochbegabte eindeutig flexibler.

Ein intelligenter Nicht-Autist ist in der Lage eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, kann unterschiedliche Möglichkeiten einfließen lassen und rein durch seinen Intellekt (Empathie klammere ich hier bewusst aus) Gedankengänge und Beweggründe eines anderen Menschen analysieren und dadurch verstehen.

Autisten mangelt es zumeist an kognitiver Empathie, also der Fähigkeit Emotionen oder Intentionen anderer Menschen instinktiv zu erkennen.
Ihnen fällt es oft schwer die Gedanken eines anderen Menschen nachzuvollziehen.

Manche Autisten schaffen es mit Hilfe von erlernten Fähigkeiten und ihrer Intelligenz dies augenscheinlich auszugleichen.

Ich habe in Gesprächen oft festgestellt, dass mein Denken für das eines Autisten sehr flexibel ist.
Dieser Umstand lässt mich Ironie, Sarkasmus, Sinnbilder und Witz besser verstehen als es Autisten oft nachgesagt wird.

Im Stress oder in emotionalen Gesprächen oder hitzigen Diskussionen jedoch ist es mir nicht möglich meinen Kopf mit ‚einzuschalten‘.
Dann erkenne ich tatsächlich weder Ironie, noch Scherze.

Auch bei fremden Menschen, die ich nicht kenne oder einschätzen kann, ist es mir nicht möglich zu erkennen ob etwas ernst gemeint ist oder nicht.

Es passiert eben nicht instinktiv, sondern ausschließlich durch analytisches Denken.

Oft muss ich dann darauf hingewiesen werden, dass nicht alles so gemeint ist, wie ich es im ersten Moment verstehe.

Ein Beispiel für Kompensation aus meinem Alltag:

Mein Mann (Nicht-Autist) verfügt über eine ausgeprägte kognitive Empathie.
Er kann oft in einem Gespräch mehr zwischen den Zeilen lesen, als tatsächlich verbal gesagt wird. Das passiert ganz automatisch und spontan während der Unterhaltung.

Dadurch kann er sich schnell ein sehr klares Bild von seinem Gegenüber machen.

Ich kann das auch….
Nur bei mir funktioniert es völlig anders.

Bevor ich mich mit jemandem treffe, versuche ich mir Informationen zu besorgen.

Familie, Arbeit, Auftritt im Internet inkl. Bildern, Hobbies, Vergangenheit etc. Dadurch erstelle ich im Kopf ein grobes Profil des Menschen.
Beim Treffen achte ich auf Kleidung, Haare, Schmuck, Schuhe, Gangart, Körperhaltung, Stimme etc.

Das alles nehme ich aber nur vor oder nach einem Gespräch wahr. Währenddessen kann ich lediglich das gesprochene Wort wahrnehmen, die nackten Informationen.

Ich beobachte Menschen auch, wenn sie sich unbeobachtet fühlen oder mit anderen sprechen.
So bin ich in der Lage mir ein Bild von dieser Person zu machen.

Diese Informationen kann ich analysieren und komme damit fast immer auf ein nahezu identisches Ergebnis wie mein Mann.

Doch er macht es instinktiv. Während eines kurzen Gesprächs, ohne darüber nachzudenken.

Mich jedoch kostet es eine Menge Zeit und Anstrengung und funktioniert nur, wenn ich nicht zu gestresst bin, denn dann werde ich ‚autistischer‘ und mir entgehen viele Informationen.

So können viele erwachsene, aber auch oft schon junge, intelligente Autisten ‚ganz normal‘ wirken. Sie brauchen dafür jedoch ein vielfaches dessen an Energie, welche ein Nicht-Autist braucht.

Die Kompensation bezieht sich übrigens nur auf die Außenwirkung, das Handeln.

Unser Empfinden, unser Denken und unsere Wahrnehmung bleibt die eines Autisten.

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