Harte Schale und (zu) weicher Kern?!

Lange Zeit wurden Autisten als emotions- und empathielos ‚abgestempelt‘.
Heute weiß man, dass zumeist das Gegenteil der Fall ist:
Autisten empfinden sehr viel, oft sogar zu viel.
Und damit sind nicht nur die Sinnesreize gemeint!
Doch wir tragen unsere Gefühle selten nach außen.

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Im Folgenden versuche ich in Worte zu fassen, wie ich emotional ‚ticke‘. Da sich (selbst für mich) manches zu widersprechen scheint, hoffe ich, dass ihr mir folgen könnt.
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Innerlich bin ich noch ein kleines Kind – zumindest was die Emotionalität angeht.
Im Gegensatz dazu steht mein oftmals emotionsloses und neutrales Äußeres, was die Fehleinschätzung vieler Menschen erklärt.

Meist weiß ich zwar, dass nun eine Gefühlsregung von mir erwartet wird, aber nicht, ob es angebracht ist nun zu weinen oder nur betrübt zu schauen, mein Gegenüber zu trösten oder einfach nur still da zu sitzen.

Von alleine brechen, abhängig von meiner aktuellen Verfassung, nur sehr intensive Gefühle aus mir heraus.

Innerlich tobt jedoch ständig ein Durcheinander aus Emotionen.

Das müssen nicht einmal nur meine eigenen sein.
Auch Emotionen anderer Menschen, besonders Trauer und Schmerz sauge ich sprichwörtlich wie ein Schwamm in mich auf. Auch wenn ich nicht immer bemerke, dass jemand traurig ist, wenn ich es spüre, nehme ich dieses Gefühl sehr schnell als mein eigenes an.

Ich bin sehr leicht zu verletzen. Selbst eine gut gemeinte Kritik kränkt mich auf emotionaler Ebene oft, während mein Verstand das absolut rational betrachten kann und ich mich nach außen sogar ehrlich und aufrichtig dafür bedanke. Aber das stimmt nicht mit meinem Gefühl überein.

Ähnlich verhält es sich mit Ironie und Sarkasmus.
Rational verstehe ich solch stilistische Mittel sehr gut, trotzdem rebelliert mein Inneres. Hier passiert es mir jedoch oft genau anders herum, obwohl ich weiß, dass man mich grade nur ‚aufs Korn nehmen‘ möchte, rechtfertigte und erkläre ich mich, weil ich mich angegriffen fühle.

Wenn mir jemand sagt, dass er mich nicht mag, sollte mir das eigentlich egal sein können, besonders bei Fremden.
Aber auch das nehme ich mir unglaublich zu Herzen, aber ich zeige es nicht.

Andersherum kann ich mich innerlich wie ein kleines Kind freuen, wenn mir jemand etwas nettes sagt. Ganz oft weiß ich nach außen aber nicht angemessen darauf zu reagieren oder fühle mich sogar überrumpelt oder in meiner kindlichen Freude ertappt.

Leider macht mich das sehr manipulierbar und ich falle bis heute oft auf Menschen herein, die mir etwas vormachen.
Auch hier weiß ich rational selbstverständlich, dass man nicht jedem Menschen über den Weg trauen sollte, aber sobald meine emotionale Ebene angesprochen wird, ist das vergessen.

Mein Auftreten wirkt auf viele Menschen arrogant und abweisend. Aber ich habe sehr starke Gefühle.
Oft kann ich sie jedoch nicht benennen oder bemerke sie erst, wenn sie so intensiv sind, dass sie mich völlig überrumpeln.
Manchmal habe ich sogar selber das Gefühl ich empfände nichts oder zu wenig. Doch dann bekomme ich plötzlich Magenschmerzen, mein Rücken meldet sich oder die Brust scheint immer enger zu werden.
Wenn ich dann intensiv in mich hinein horche, spüre ich oft wieder wie aufgewühlt ich bin.

Doch es findet keinen Weg nach draußen – ich wüsste auch nicht wie.

Darüber sprechen kann ich nicht, ich habe keine Worte dafür.
Rational ist es nicht immer zu erklären und für mich oft nicht greifbar und „Emotional“ spreche ich nicht…

Es ist wie ein ‚emotionales Locked-in-Syndrom‘. Ich kann meine Emotionen nicht adäquat mitteilen, selbst dann nicht, wenn ich sie erkenne, was oft nicht der Fall ist.

Wenn ich sage „Ich liebe dich“, dann ist das auch so.
Aber es ist eine absolut rationale und überdachte Entscheidung dies mitzuteilen.

Wenn ich sage „Das hat mich verletzt“, dann habe ich lange darüber nachgedacht, welche Emotion es in mir ausgelöst hat und wie ich das sinnvoll kommunizieren kann. Meist rauben mir solche Überlegungen aber enorm viel Kraft und ich verwerfe sie wieder.

Natürlich reagiere ich auch mal impulsiv, dann übermannt mich in diesem Moment einfach eine Emotion und der Verstand schaltet sich ab.

Emotionalität und Rationalität sind bei mir absolut strickt getrennt. Und wenn ich es schaffe über meine Empfindungen zu sprechen, dann nur als Analyse und ohne jegliche Gefühle in diesem Moment.

Meine Worte sind meist rational – meine Emotionen aber trotzdem sehr real.

Viele meiner Overloads, entstehen nicht zuletzt aufgrund meiner intensiven Emotionen oder der vielen Analysen und Überlegungen, die sie für mich mit sich bringen.
Deshalb merke ich manchmal, dass ich mich emotional (unabsichtlich) abschotte und tatsächlich kühl werde, weil einfach eine Grenze erreicht ist. Ich nenne es ‚emotionaler Shutdown‘.

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