„Sie sind keine Autistin, Sie können mentalisieren!…“

„… Ihre chronifizierte Sozialphobie ist das Problem. Stellen Sie sich mal vor wie anders Ihr Leben aussähe, wenn Sie einfach so rausgehen könnten.“

Diese Sätze haben mich letzte Woche ziemlich aus der Bahn geworfen (rw). Sie kamen von einer auf Autismus spezialisierten Psychotherapeutin, mit der ich mich keine volle Stunde unterhalten hatte.

Unter anderem berichtete ich ihr von dieser Seite und das war scheinbar für sie der Beweis, dass die Autismus-Diagnose falsch sei.

Zuhause suchte ich als erstes nach der Definition von ‚Mentalisierung‘:
„Die Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren“.

Demnach wären Autisten also niemals zur Selbstreflektion in der Lage. Das halte ich für eine absolut falsche und überholte Sichtweise.

Die meisten Autisten, zu denen ich Kontakt habe und hatte sind sogar sehr selbstreflektiert.

Bei anderen Menschen fällt es mir tatsächlich sehr schwer das Verhalten zu interpretieren, jedoch bin ich in der Lage, ebenso wie bei mir, psychologisch zu hinterfragen und analysieren, was dahinter steckt.
Darin bin ich sehr gut, da ich viele Jahre Übung habe. In der entsprechenden Situation hilft es mir jedoch nicht, da ich nur rückblickend analysieren kann.

Nun quält mich seit Tagen diese Fragen:
Was steckt wirklich hinter diesem ‚Mentalisieren‘? Und wie viel hat das tatsächlich mit Autismus zu tun?
Habe ich mich missverständlich ausgedrückt?

Ansonsten sei ich eine Autistin wie sie ‚im Bilderbuche steht‘. Aber das ‚Mentalisieren‘ sei für sie ein absolutes Ausschlusskriterium.
Also habe ich „nur autistische Züge“.

Viel schlimmer fand ich jedoch die Aussage, mein Problem sei eigentlich nur die Sozialphobie. Da ich darunter schon so lange leide, habe sie sich chronifiziert und müsse unbedingt therapiert werden. Dass das noch kein Therapeut erkannt habe, zeuge von enormer Inkompetenz, ihr fielen auf Anhieb hundert Dinge ein, die sie mit mir machen könnte.

Mein Leben sei doch gleich „ein ganz anderes“, wenn ich wieder „ohne Angst das Haus verlassen“ könnte.

Ab diesem Moment war ich nicht mehr in der Lage zu sprechen. In meinem Kopf überschlugen sich sprichwörtlich die Gedanken.
Ich konnte nicht argumentieren, nicht widersprechen, ich nickte nur noch.

Es fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht, dass sie nicht glaubt, dass meine Probleme viel umfangreicher und weitreichender sind – sondern, dass eine ‚Expertin‘ nach weniger als einer Stunde DIE Diagnose in Frage stellt, die nach meiner jahrelangen ‚Leidensgeschichte‘ (ich mag dieses Wort nicht, jedoch beschreibt es das am besten), endlich die Antworten und Erklärungen brachte, die ich so herbeigesehnt hatte.

Nach dieser Stunde schicke sie mich ohne einen weiteren Termin nach Hause und riet mir, mir einen anderen Therapeuten zu suchen, der ‚endlich die Sozialphobie‘ vernünftig behandeln könnte.

So viel Unwissenheit, soviel fehlendes Verständnis und die völlige Missachtung der Tatsache, dass viele (vor allem auch weibliche) Autisten in der Lage sind hervorragend zu kompensieren und sich anzupassen…
Ein trauriges Beispiel dafür, dass noch unglaublich viel Aufklärung nötig ist und selbst in der ‚Fachwelt‘ noch absolut veraltete und klischeebehaftete Ansichten verbreitet sind.

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