My home is my fortress („Mein Zuhause ist meine Festung“)

Meine Wohnung ist der Ort, an dem ich sicher bin. Hier fühle ich mich frei und kann sein wie ich bin.

Sie entspricht sicherlich nicht dem Klischee einer ordentlichen, spärlich und einheitlich eingerichteten Wohnung eines Autisten.
Im Gegenteil, hier ist es meistens chaotisch, die Möbel sind wild durcheinander gewürfelt und die Wände alle unterschiedlich gestaltet und mit Kinder-Fotos tapeziert.

Ich bewundere Menschen, die einen geradlinigen oder gar spartanischen Einrichtungsstil haben und bei denen wenig ‚Kram‘ herumfliegt.

Ich tu mich sehr schwer damit etwas wegzuwerfen – irgendwann braucht man es sicher noch einmal – und Möbel sind für mich Gebrauchsgegenstände, keine Design-Artikel.

Zuhause muss ICH mich wohlfühlen und ich war noch nie ordentlich. Ich liebe Ordnung, aber in meiner Wohnung sieht es so aus wie meist in meinem Kopf: chaotisch und alles fliegt durcheinander.

Ich mag keinen Besuch.
Wenn jemand meine Wohnung betritt fühlt es sich an, als würde er ‚mein innerstes‘ betreten.

Ich fühle mich nackt und bloßgestellt. Wenn ich zuhause bin verschwimmt die Grenze zwischen mir und der Außenwelt, als würde ich den Panzer ablegen, den ich außerhalb der Wohnung trage.

Denn mein Zuhause ist meine Festung – hier fühle ich mich sicher und kann ich selbst sein.

Wenn es mir gut geht, kann ich mittlerweile recht gut mit ‚Eindringlingen‘ umgehen, dann wird der ‚Panzer‘ eben auch innerhalb meiner eigenen vier Wände angelegt.

Besonders spontaner Besuch bringt mich aber unglaublich aus der Fassung. Ich würde am liebsten schreien, werde aggressiv und oft verstecke ich mich, wenn es an der Türe klingelt.

Ich selber öffne die Türe nicht, wenn ich niemanden erwarte, selbst dann nicht wenn derjenige weiß, dass ich da bin.
Das ist eine der wenigen Verhaltensweisen, die ich nicht kompensieren kann.

Wenn mich jemand fragt, ob er gleich vorbei kommen darf, wäge ich ab, ob ich es kräftemäßig schaffe und wie wichtig dem anderen das Treffen ist.
Doch wenn jemand (in meinen Augen) so unverschämt ist und einfach klingelt, stelle ich mich taub.

Ich würde selber aber auch niemals auf die Idee kommen, einfach mal bei jemandem zu klingeln, nur weil ich gerade dort vorbei komme.

Badezimmer anderer Menschen zu benutzen fällt mir schwer und ganz unangenehm ist es mir, wenn mir jemand sein Schlafzimmer zeigt. Für mich sind diese Räume Rückzugsorte in denen man verletzbar ist.
Dringt jemand dort ein, verletzt er auch meine Privatsphäre, schlimmer noch, meine Intimsphäre.

Einen Weg dieses Gefühl etwas zu mindern habe ich darin gefunden, gründlich aufzuräumen und möglichst wenig von mir herumstehen zu lassen – und wenn es nur die Creme am Waschbecken oder die Fernsehzeitung auf dem Tisch ist.

Alles was ich persönlich benutze oder mir etwas bedeutet würde ich am liebsten völlig aus dem Sichtfeld meines Besuches heraushalten.

Hinzu kommt erschwerend, dass man sich, wenn andere Menschen dabei sind, ganz anders verhält. Ich gebe mir mittlerweile große Mühe, natürlich zu sein, aber ich falle immer wieder automatisch in eine Rolle.

Zuhause möchte ich das jedoch nicht, wenn es aber doch passiert fühle ich mich ‚verraten‘. Nicht einmal in meinem eigenen geschützten Raum kann ich dann ‚ich‘ sein. Ein Gefühl von völliger Selbstaufgabe.

Wenn ich doch einmal Besuch hatte, muss ich danach alles wieder in den Originalzustand versetzen: Gläser und Geschirr müssen sofort weg, alles was ich weggeräumt hatte wird wieder hervorgeholt und das Badezimmer (falls es betreten wurde) wird geputzt.
Nicht aus Ekel vor anderen Menschen, sondern weil es durch die einfache Anwesenheit anderer Menschen gefühlsmäßig ‚beschmutzt‘ wurde.

Auch wenn der Besuch weg ist, fühlt sich die Wohnung für mich noch lange fremd und kalt an. Ich muss erst wieder spüren, dass ich sicher bin.

Der Unterschied zwischen Besuch von Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten oder Fremden ist dabei nicht nennenswert. In meine Wohnung gehört gefühlsmäßig nur, wer hier mit mir lebt.

Da ich davon ausgehe, dass es anderen Menschen genau so geht (obwohl ich mittlerweile weiß, dass es wohl nicht so ist), vermeide ich es auch andere zuhause zu besuchen. Ich fühle mich einfach unwohl, da ich in ihre Privatsphäre eindringe – und ich lebe nach dem Motto „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“. Nur leider verstehen das die wenigsten.

Zuhause beobachtet mich niemand wenn ich stundenlang ‚Löcher in die Luft starre‘ oder ich einfach ‚Ich‘ bin.

Meiner Tochter geht es genau so, sie kompensiert mit ihren knapp 4 Jahren schon so gut, dass sie nirgends auffällt. Aber zuhause lässt sie zu, so zu sein wie sie ist – zumindest wenn wir unter uns sind.

Wenn wir Besuch hatten fällt kurz danach eine unglaubliche Anspannung von ihr ab und sie schreit manchmal (mit Unterbrechungen) stundenlang, schaukelt alleine in ihrem Zimmer und will niemanden hören und sehen oder sie legt sich regungslos auf ihre Matratze und ist kaum noch ansprechbar.

Auch ich brauche intensive Erholungsphasen nach längeren Besuchen, bin völlig erschöpft und möchte einfach nur meine Ruhe haben.

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